Seefahrt: Vorstoß ins Ungewisse


Seefahrt: Vorstoß ins Ungewisse
Seefahrt: Vorstoß ins Ungewisse
 
Die Erdoberfläche ist zu 71 % von Wasser bedeckt. Die riesigen Gewässer haben zunächst Grenzen für den Drang des Menschen zur Erschließung der ganzen Festlandswelt bedeutet. Vor etwa 50 000 Jahren, gegen Ende der mittleren Altsteinzeit, traten unsere Vorfahren in ein aktives Verhältnis zum Meer. Wir erkennen es daran, dass der Mensch Australien erreichte. Er muss mental und »technisch« die Abgrenzung seines Lebensraums durch das Meer überwunden haben. Die Fahrzeuge können aber keine vom Wind ins Wasser geworfenen Bäume gewesen sein, auf denen der Mensch reitend und mit den Händen paddelnd erstmals Gewässer befahren hätte, wie früher vermutet wurde. So ließen sich nur Binnenseen überqueren - nicht das Meer, das Australien umgab. Die Menschen müssen seetüchtigere Fahrzeuge verwendet haben. Darüber ist jedoch nichts bekannt.
 
Viel später, vom 3. Jahrtausend v. Chr. an, hat der Mensch im Pazifischen Ozean alle weit verstreuten Inselgruppen entdeckt und besiedelt. Er verwendete hierbei Einbäume, mit Feuer und Steingeräten ausgehöhlte Baumstämme, deren Seiten durch angebundene Planken erhöht waren. Seitliche Schwimmer verhinderten das Kentern, oder zwei Boote waren zu einem Katamaran vereinigt. Neben dem Antrieb durch Stechpaddel war das Segel überall bekannt. Die Polynesier navigierten nach den Sternen, den Meeresdünungen und anderen, noch weniger auffälligen Naturerscheinungen. Die Navigationskunst, mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, stützte sich auf uralte Erfahrungen.
 
 Die ersten Seefahrer Europas
 
Unser Erdteil schließt zwei »Seefahrerwelten« ein, in denen jeweils unterschiedliche Bedingungen herrschen: einerseits Nordsee- und Atlantikküste, andererseits Mittelmeer und Schwarzes Meer.
 
Als ältester Nachweis für ein Seefahrzeug im Norden gilt ein bei Husum gefundener, aus Rentiergeweih geschnitzter Spant für ein mit Seehundshaut bespanntes einsitziges Jagdboot. Er stammt aus dem 9. Jahrtausend v. Chr., der Periode der ausgehenden Altsteinzeit. Der »Husum-Kajak« eignete sich nur zur Fahrt entlang der Küsten, bei der man an Land übernachten konnte. Daneben gab es vielleicht schon jetzt größere Fahrzeuge in der Art der von den Eskimos verwendeten hautbespannten Umiaks. Nur mit solchen konnten die vielerorts an der norwegischen Küste gefundenen rohen »Beile« transportiert worden sein, die aus einem Felsgestein bestehen, das nur auf einigen Inseln bei Bergen im 6. Jahrtausend v. Chr. abgebaut wurde. Mit Booten dieser Art wurde später, in der Jungsteinzeit, sogar die Nordsee überquert, wie gleichartige Steinkugeln von unbekannter Funktion in Schottland und Südwestnorwegen belegen. In Dänemark nutzten die Menschen den dort im 6. Jahrtausend reichlich vorhandenen Wald zum Bau von Einbäumen, oft groß genug für eine ganze Familie. Das Vorhandensein von Feuerstellen auf etlichen Booten lässt darauf schließen, dass man an Bord »gewohnt« hat, etwa so, wie zur Entdeckerzeit die Ureinwohner Feuerlands. In der Jungsteinzeit, als man schon in kleinen Dörfern wohnte, behielt man Einbaumboote bei; nun nicht mehr als Wohnung, sondern als Fahrzeuge zum Fischfang und Verkehr mit anderen Siedlungen in der Nachbarschaft.
 
Im Mittelmeerraum begann in der späten Altsteinzeit die Besiedlung der großen Inseln, vermutlich mithilfe von einfachen Flößen. Auf der südlichen Balkanhalbinsel, dem Gebiet des heutigen Griechenland, lebten im 9. und 8. Jahrtausend v. Chr. mittelsteinzeitliche Jäger, Fischer und Sammler. Die vorgelagerte Inselwelt der Ägäis verlockte diese Menschen zur Seefahrt. Fast überall ist mindestens eine Insel in Sicht. Zudem ist monatelang das Risiko von Stürmen gering. In einer Fundstelle aus dieser Periode, der Franchthi-Höhle, kamen kleine Klingen aus Obsidian, einem vulkanischen Glas von der fernen Insel Melos, zutage. Anscheinend haben mittelsteinzeitliche Seefahrer bei ihren Erkundungsfahrten in der Ägäis den Obsidian von Melos entdeckt und, weil sich Klingen aus diesem Material schnell abnutzen, regelmäßig Nachschub zum Festland geholt. Da große Steinwerkzeuge zum Einbaumbau in der ägäischen Mittelsteinzeit unbekannt sind, wird angenommen, dass die Menschen auf Flößen aus Papyrusrohr nach Melos gereist sind. In einem Experiment mit einem solchen Floßnachbau wurde die Eignung der Rohrflöße für Seereisen bewiesen.
 
 
Im 7. Jahrtausend v. Chr. wurde der Thunfisch zur Hauptnahrung der Nutzer der Franchthi-Höhle. Dieser große Fisch kann kaum von ungelenken Rohrflößen aus erbeutet worden sein. Gab es nun andersartige Boote, die sich zum Thunfischfang besser eigneten? Archäologische Hinweise aus dieser Zeit fehlen, sie setzen erst in der Jungsteinzeit ein. Erste Tonmodelle einfacher Einbäume sind aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. bekannt. Ein Modell aus Tsangli gibt ein raffinierter gebautes Boot wieder, dessen Rumpf wohl aus Teilen zusammengebunden war, die wie beim Einbaumbau aus Baumstämmen »geschnitzt« waren. Ein Modell aus Osikowo in Bulgarien zeigt, dass diese Bauweise auch am Schwarzen Meer bekannt war. Der Befund ist wichtig, da die hoch entwickelte Warnakultur in Bulgarien im Schwarzen Meer Seeverbindungen unterhielt, die mindestens bis zur Nordküste Anatoliens und vielleicht sogar bis zum Kaukasus reichten. Die »zusammengesetzten Einbäume« wurden vermutlich mit Stechpaddeln bewegt. Nur die Ritzzeichnung auf einem Tongefäß aus der Grapčevahöhle auf der Adriainsel Hvar könnte ein Segel zeigen. Die Deutung des Bildes ist aber umstritten.
 
In der späten Jungsteinzeit wurde Obsidian von der bei Sizilien gelegenen Insel Lipari aus über See im ganzen westlichen Mittelmeer verbreitet. Ebenso wie schon in den weiter oben betrachteten Fällen Bergen in Norwegen und Melos zeigt sich hier, dass Beschaffung und Vertrieb von Steinwerkzeugen und Rohstoffen ebenso wichtige Motive für die frühesten Seefahrer waren wie die Neugier von Entdeckernaturen oder die Suche nach fruchtbaren Böden durch Bauern.
 
 Steinzeitliche Schiffsbautechnik als Vorbild für die Antike
 
Wie bereits erwähnt, gibt es im Mittelmeer keine Originalfunde von steinzeitlichen Seefahrzeugen. Jedoch lassen spätere Funde gewisse Rückschlüsse zu. »Kronzeuge« ist ein aus der Zeit um 2600 v. Chr. stammendes großes Nilschiff des ägyptischen Pharaos Cheops, das bei seiner berühmten Pyramide »beigesetzt« war; die Bergung und Erforschung eines zweiten ist noch im Gang. Die Bauweise mit verschnürten Planken und Spanten, die nachträglich in die fertige Rumpfschale eingesetzt wurden, ist so hoch entwickelt, dass eine lange Erfahrung in dieser Bautechnik vorausgesetzt werden kann. Der trapezoide Rumpfquerschnitt des Cheopsschiffes mit einem flachen oder schwach gewölbten Boden und gleichartigen Seiten, die in stumpfem Winkel an den Boden stoßen, lässt auf die Herkunft von zusammengesetzten Einbäumen schließen, die, wie es an dem Modell von Tsangli rekonstruiert werden kann, aus Planken bestanden, die aus Baumstämmen geschnitzt waren. Technisch gesehen, ist das Cheopsschiff ein Schalenbau: Ganz anders als heute üblich, ging der Bau nicht von einem Skelett aus Kiel und Spanten aus, das dann mit Planken verkleidet wurde, sondern hier wurde zuerst die Außenhaut (»Schale«) des Rumpfs gebaut, indem man die Planken in neolithischer Tradition zusammenband und die Spanten erst nachträglich einfügte.
 
Diese Schalenbautechnik hat später den Schiffbau der Phöniker, Griechen, Punier und Römer bis etwa zum 6. Jahrhundert n. Chr. beherrscht. Mit anderen Worten gesagt, lässt sich der Schiffbau der Antike letztlich auf Wurzeln in der Jungsteinzeit zurückführen. Spätere Neuerungen, wie die Verzimmerung der Planken mittels Feder und Nut, oder die Verwendung von Metallnägeln, haben die uralte Bautradition nicht unterbrochen, sondern nur bereichert. Der Erfindergeist, der aus dem mehr als 6 500 Jahre alten Modell von Tsangli spricht, ist so bewundernswert wie der Mut der frühen »Vorfahren« des Kolumbus.
 
Dr. Olaf Höckmann

Universal-Lexikon. 2012.

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